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2016-05-29

Kultur, Subkultur und gemeinsame Sozialisation

Es liege Mehltau über dem Land, sagte Bartsch beim Bundesparteitag der Linken in Magdeburg, zumindest laut dem Deutschlandfunk.

Mich lockt der Begriff Mehltau nicht hinter dem Ofen vor. Ich denke da an eine weiße Schicht Mehl, die über allem liegt, und beim zweiten Nachdenken, dass es sich dabei um eine Pilzkrankheit handelt, die nur mit Mühe zu beseitigen ist, wie jeder Hobby-Gärtner weiß. Was also will uns Dietmar Bartsch damit sagen? Dass über dem Land eine Staubschicht liegt? Die Politik nicht mehr frisch ist? Oder geht es ihm eher um das heimtückische bei einem Pilz, der sich ja bekanntlich unter der Oberfläche ausbreitet?

Über die Interpretation der Metapher muss ich mir dankenswerterweise keine weiteren Gedanken mehr machen, denn Dietmar Bartsch wird sicherlich bald selber auf diesem Wiki vorbeischauen und die offenen Fragen klären.

Klar, es gibt bei Politikern weitaus schlimmeres als den Umstand, bei einer Parteitagsrede eine Metapher zu verschenken. Aber dabei wäre der passende Vergleich Grauschleier doch so naheliegend und würde auch direkt die Avantgarde der in den 80-er Jahre sozialisierten ansprechen, die da sofort an den gleichnamigen Song der Fehlfarben mit der Zeile "es liegt ein Grauschleier über der Stadt" denken müssen. Naja, vielleicht auch nur die Avantgarde des deutschen Punkrock der 80-er Jahre.

Wie schön es auch immer sein mag, zur (heimlichen) Avantgarde zu gehören – was Avantgarde ist, darauf kann man sich ja meistens noch einigen, die heimliche Avantgarde hat dagegen den großen Vorteil, dass sie ohnehin derjenige als Avantgarde definiert, der zu ihr dazu gehören will, sie ist ja heimlich, weshalb die anderen erst in späteren Zeiten bemerken werden, dass es sich um eine Avantgarde handelte. Also, auch wenn es verlockend ist, an die Avantgarde anzuknüpfen, lauern dabei doch einige Fallstricke:

  • Nicht jeder darf die Fehlfarben unbeschadet zitieren. Gysi dürfte es, Bartsch nicht unbedingt. So eine gewisse Grundausstattung an Ironie ist dafür schon notwendig. Und das jegliche Diskussion beendende Argument, dass jemand nix von Punkrock verstehe, kommt in Deutschland ziemlich schnell zum Einsatz.
  • Die Fortsetzung der Grauschleier-Zeile könnte sich für einen Politiker der Opposition als Bumerang erweisen: … den meine Mutter noch nicht weg gewaschen hat. Bei Mutter denkt eben jeder an Angie, die Mutti der Deutschen, und damit stünde die Kanzlerin wieder indirekt als die da, die nicht über die Probleme redet, sondern sie anpackt und löst. Wobei noch zu diskutieren ist, ob Wegwaschen tatsächlich in die Kategorie Problemlösung fällt.

Die mit der Fernsehwerbung der 70-er und 80-er Jahren aufgewachsenen unter uns wissen natürlich, dass der Begriff Grauschleier als Feind aller Hausmütter, die das falsche Waschmittel benutzen, populär geworden ist. Wikipedia weiß das auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Grauschleier

Und der Fehlfarben Text ist auch gar nicht politisch und will mehr einen Seelenzustand beschreiben, als dass er eine Haltung kritisiert, die mit allem unschönen nicht anders umgehen kann, als es einfach weg zu waschen.

RolF

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